Italienisch für Senioren
 

Von einer, die auszog, Land und Sprache zu erobern

Kommt man von einer langen Reise zurück, ist es schwer, sich zu Hause einzuleben.
Man hat zu sortieren, zu ordnen, alle die mitgebrachten Reiseführer, Prospekte, Kataloge, Tickets durchzusehen und dabei kommen die Erinnerungen.

Der Verlust meines Mannes im April 2005 zwang mich, etwas Neues anzufangen, um mein aus den Fugen geratenes Leben wieder in einigermaßen normale Bahnen zu lenken. Geholfen haben mir dabei mein Hausarzt und der Zufall. Ersterer riet mir, mich nicht zu Hause zu vergraben und den Rest meines Lebens vor dem Fernseher zu verbringen, sondern alles das zu tun, wozu ich immer Lust gehabt hätte, aus vielerlei Gründen aber nie realisieren konnte. Und der Zufall spielte mir bei guten Freunden Reisekataloge in die Hand, in denen ich verlockende Angebote für Sprachreisen in viele europäische Länder fand. Sprachen zu lernen hat mich immer gereizt, blieb also nur noch die Frage zu klären: Welche Sprache nehme ich?

Dass ich dann Italienisch wählte, war wohl der Erkenntnis oder der unbewussten Sehnsucht vieler Deutscher geschuldet, dass Italien die Wiege der europäischen Kultur - basierend auf griechischer und römischer Antike - gewesen ist und schließlich: Goethe ist auch nach Italien entflohen, als ihm in Weimar die Probleme über den Kopf wuchsen. Die Italiener, die ich bisher in Deutschland getroffen hatte, waren stets fröhlich, aufgeschlossen und schwärmten stundenlang von ihrer schönen Heimat.

Kurz entschlossen buchte ich meinen ersten 3-Wochen Italienischkurs in Kalabrien, tief im Süden Italiens, wo man bei gutem Wetter den Vulkan Stromboli und seine Rauchwolke klar und deutlich erkennen konnte.

Ja, ich gebe zu, als ich in Hamburg auf dem Flughafen stand, war ich nervös und unsicher, ob diese Entscheidung, mutterseelenallein so eine Reise über drei Wochen anzutreten, richtig war. Doch hier half nur eins: Augen zu und rein in den Flieger nach Rom, bzw. von dort weiter nach Lamezia Terme.

Kurz, ich habe es nie bereut, habe viele nette Leute getroffen, alle durchweg jünger als ich, habe abwechslungsreichen Unterricht genossen, in einem herrlichen Appartement inmitten einer Zitrus- Plantage gewohnt und zum Abschied kullerten sogar bei allen ein paar Tränchen.

Im Gepäck brachte ich wunderschöne Erinnerungen heim und schon im Flugzeug von Lamezia Terme nach Rom stand für mich fest, dieses Jahr –2006- gibt es noch einmal eine Sprachreise nach Italien und dieses Mal wird das Ziel Florenz sein, die Renaissancestadt zu beiden Seiten des Arno, die Stadt, in der so viele Museen, Paläste, Kirchen und andere Sehenswürdigkeiten eng beieinander liegen wie wohl in keiner anderen Stadt Italiens.

Und kaum zu Hause angekommen, buchte ich zwei Wochen später die nächste Sprachreise, diesmal für die beiden letzten Oktoberwochen in Florenz.

Mit so einem Reiseziel vor Augen vergingen Zeit und trübe Gedanken wie im Fluge und diesmal reiste ich mit dem Zug von Hamburg über Basel mit dem Nachtzug nach Florenz.

Ohne jede aufregende Komplikation kam ich morgens in Florenz an. Ich wusste, mein Quartier ist nur 5 Minuten Fußweg vom Bahnhof entfernt, aber zur Sicherheit - fragen kostet ja nichts. Ein älterer Herr freute sich riesig, mir behilflich zu sein und zeigte mir, wo ich abbiegen musste. Ich bekomme den Eindruck, es mache ihn glücklich, dass ich gerade ihn gefragt habe und er mir helfen konnte. So habe ich dann auch später die Italiener auf der Strasse kennen gelernt, freundlich, aufgeschlossen, hilfsbereit und dabei meist strahlend.

Herzklopfen hatte ich dann allerdings am 1.Schultag, neue Gesichter, Schulräume im 5.Stock (nur einmal bin ich die Treppen gelaufen), ein antiker Fahrstuhl und wie schon in Kalabrien, junge Leute aus aller Herren Länder, die auch Italienisch lernen wollen.

Mich erwartet diesmal aber keine Klasse, sondern Einzelunterricht, den ich gebucht habe, um meinen 66-jährigen Kopf in einer Individualbehandlung mit italienischen Sprachkenntnissen zu füllen. Die beiden Lehrerinnen Mina und Raffaella haben sich dieser sicher nicht einfachen Aufgabe mit Bravour angenommen.

Nachmittags und am Wochenende versuchte ich so viel wie möglich von der Kunst zu sehen, die Florenz so reichlich zu bieten hat. Es ist Mittwoch der zweiten Woche und auf meinem Programm steht Palazzo Vecchio, die alte Wohnresidenz der Medici, ehe sie in den Palazzo Pitti zogen; tief beeindruckt, aber auch völlig k.o. verlasse ich den Palast nach fast 3 Stunden. Noch halb benommen von allem, was ich gesehen hatte, bummele ich über die Piazza della Signoria und stehe plötzlich vor einer kreisrunden ins Pflaster eingelassenen Bronzeplatte mit einem italienischen Text darauf, wovon mir als erstes der Name SAVONAROLA ins Auge fällt. Ich versuche, den übrigen Text zu entziffern und erfahre, dass an dieser Stelle der Mönch Savonarola und zwei seiner Mitbrüder als Ketzer verbrannt worden sind. Nur die in römischen Zahlen angegebene Jahreszahl bekomme ich nicht mehr zusammen. Da ertönt hinter mir plötzlich eine Männerstimme und fragt mich auf Englisch, ob ich den Text der Bronzeplatte verstanden habe. Ich bejahe, füge aber hinzu, dass ich die römischen Zahlen nicht entziffern kann und prompt kommt die Antwort in Englisch: 1498. Da sehe ich mir den Herren genauer an; er ist mehr als einen Kopf größer als ich, grauhaarig und scheint sehr neugierig zu sein. Er fragt, was ich in Florenz mache, ob ich allein bin und woher ich komme. Mein Schulenglisch reicht aus, ihm alle seine Fragen zu beantworten. Lustig wird es, als wir lachend feststellen, zwei etwa gleichen Alters stehen sich gegenüber und wollen, obwohl nicht mehr im besten Lernalter, die Sprache Italiens lernen.

Er ergreift sofort die Initiative und lädt mich ein, mit ihm etwas essen oder trinken zu gehen und ich sage spontan „Gelato“. Also sitzen wir ein paar Minuten später in der Gelateria an der Piazza della Signoria, essen Eis und reden und reden als würden wir uns seit Ewigkeiten kennen. Er weiß ja, dass ich Deutsche bin, aber ich immer noch nicht, woher er kommt. Nachdem er mich gefragt hat, was ich von Richard Wagner halte und ob ich seinen „Parzival“ kenne, erzähle ich ihm die Handlung der Wagneroper, packe die Gelegenheit beim Schopf und will wissen, woher er eigentlich komme. Er sei Amerikaner lautet die Antwort und seit 1 ˝ Jahren immer wieder in Italien, um die Sprache zu lernen. Nach einer Weile verlassen wir die Gelateria und bummeln durch das abendliche Florenz, reden über Gott und die Welt und er gefällt mir wirklich, ihm scheint es ähnlich zu gehen. Und als er mich vor meiner Haustür fragt, ob er mich am anderen Tag nach der Schule abholen dürfe, um sich irgend etwas gemeinsam anzusehen, sage ich wieder spontan zu.

Wir fahren dann hinauf nach Fiesole, das kennt er nicht; ich war vergangene Woche da und sehr begeistert vom Dom, von der kleinen aber feinen Gemäldegalerie und dem etruskischen Museum. Und je länger wir zusammen sind, stellen wir fest, dass wir die gleichen Interessen an Kunst, Musik, Gemälden und an vielen Dingen des Lebens haben.

Abends hören wir ein beeindruckendes Konzert in einer Kirche und danach fragt er mich, wann ich wieder nach Italien fahre. Ich sage, so vielleicht im Mai 2007, worauf er sofort antwortet, da komme ich auch, denn wir dürfen uns nicht mehr aus den Augen verlieren.

Herrlich, er wohnt in Amerika, ich in Deutschland und ich habe nicht mal mehr einen PC, um zu mailen. Nichts desto trotz lasse ich mir das Versprechen abnehmen, mir einen Laptop zuzulegen, damit wir unseren nächsten Schulbesuch gemeinsam planen können.

Dass daraus dann eine kleine Europareise über Leipzig, Dresden, Prag, Wien, Venedig, Rom, Neapel/Paestum, Mailand wird, ist ein anderes Kapitel. Und natürlich lernen wir fleißig 3 Wochen Italienisch in Florenz. Nebenher genießen wir die anderen Städte mit ihren Kunstschätzen wie Faenza, Ravenna, Urbino, San Marino, Siena, Arezzo, Mantua, Verona und wissen, noch in diesem Jahr gibt es, Gesundheit vorausgesetzt, noch einmal einen Sprachkurs und viel Kunst, Kultur und Musik in Italien.

Vielleicht regen meine persönlichen Erlebnisse den einen oder anderen Gleichaltrigen in einer ähnlichen Situation an, doch auch mal seinen Mut zusammen zu raffen und etwas Neues auszuprobieren, muss ja nicht Italienisch sein, andere Sprachen sind auch interessant und wer weiß, vielleicht stellt sich bei diesem oder jenem ebenfalls ein „Nebeneffekt „ein, man lernt einen netten klugen Menschen kennen, mit dem man seine Gedanken austauschen kann oder der einem abends Shakespeares Sonette im Original vorliest.

Brigitte Michel, Bad Bevensen

 

Was wünschst du dir zum Fünfzigsten?

Das verdiente Wellness-Wochenende, schlug mein fürsorglicher Mann vor.
Geh lieber auf die Schönheitsfarm, meinten meine reizenden Kinder. Ich hatte ganz andere Pläne…
… und die schon seit langer Zeit: ich wollte mal richtig Italienisch lernen. Richtig, das hie&szig; für mich: eine Sprachschule in Italien.
Also auf ins Worldwideweb und – staunen! Das diesbezügliche Angebot ist noch grö&szig;er als das der Pasta-Variationen auf der Karte meines Lieblingsitalieners. Und schon da fällt mir die Auswahl immer so schwer.

Aber nach einigen Wochen des Sammelns, Lesens, Vergleichens und vieler Frage-Antwort-Emails hatte ich „meine“ Schule gefunden: CLIC (Centro Lingua Italiana Calvino) in Florenz.

Ausschlaggebend waren Gabi, die nette deutsche Sekretärin, die die Unterbringung der Schüler regelt und meine 1000 Fragen geduldig beantwortete, sowie das zusätzliche Freizeitprogramm (Motto: CLIC around the clock), das die Schule anbietet. Denn schlie&szig;lich war ich –zum ersten Mal in 50 Jahren- ganz allein unterwegs und wollte viele Kontaktmöglichkeiten.

Gabi hatte mir die Unterbringung in einer Familie empfohlen („Dann lernst du noch viel mehr!“), und so stand ich an einem späten Sonntagnachmittag nach einem ziemlich unruhigen Flug und nicht minder aufregender Taxifahrt vor „meinem“ Haus. Ich grübelte noch über die Geheimnisse des Taxipreises (Grundpreis + Flughafenaufschlag + Gepäckaufschlag + Schlechtwetteraufschlag +???), als mir meine Wirtin Graziella die Tür öffnete.

Sie präsentierte mir mein Appartement und überschüttete mich sofort mit einem Redeschwall, von dem ich dank ausgeprägter Gestik immerhin verstand, mit welchem Lappen ich die Dusche trocknen sollte und in welcher Reihenfolge die beiden Riesenschlüssel in die Wohnungstür einzuführen waren. Schwarz-oben-drei-mal-links-blau-unten-fünf–mal rechts. War wohl nichts mit „Dolcefarniente“!

Mein Zimmer war gro&szig; und kühl, Gott sei Dank, nur der Florentiner Verkehr ist nicht so ruhig wie man das von zu Hause kennt. Aber nach einem guten Essen und ebensolchem Wein mit Graziellas Familie, alles aus eigenem Anbau, war mir der Lärm egal und ich verschlief fast meinen ersten Unterrichtsmorgen.

Mit Kathleen und Alex, einem supernetten Mutter-Tochter-Paar aus Kalifornien, die mit mir das Appartement teilten, machte ich mich nach einem echt italienischen (= kaum der Rede wert) Frühstück auf den Weg zur nahen Schule.

„Buon giorno, mi chiamo…“ war noch nicht nötig, denn am Empfang sa&szig; Sven, der deutsche „Mann für alle Fälle“, dessen zweitwichtigste Aufgabe es war, verloren gegangenes Gepäck weltweit aufzuspüren. Er hatte mehr als genug zu tun! Gut, dass ich seine Hilfe nicht brauchte.

Ich bekam einen Einstufungstest in die Hand gedrückt, bei dem ich nach der Hälfte aufgab. Erstaunlicherweise reichte das für die mittlere Niveaustufe und ich betrat meinen Klasseraum.

Da sa&szig; sie, die Jugend der Welt: Maria aus Russland, Blanca aus Spanien, Elisa aus Lettland, Anni aus Finnland, Eva aus Deutschland, Jennifer aus Mexico, Xavier aus Frankreich, Sebastian aus Gro&szig;britannien, Kandra aus den USA. Alle zwischen 15 und 35 Jahre alt. Und ich als Oma mittendrin.

So ähnlich hatte ich es erwartet und auch ein bisschen befürchtet. Was ich nicht erwartet hatte, war meine Begeisterung über diese Zusammensetzung, war die Qualität unserer Gespräche in einer Sprache, die wir alle nur ansatzweise beherrschten. Zur Not ging es mit Händen und Fü&szig;en, mit Umwegen über Englisch-Französisch-Spanisch ins Italienische.

Nachdem der Morgen jeweils einigerma&szig;en gesittet mit Grammatik begonnen hatte, folgte nach 20 Minuten Pause Arbeit an Texten, über deren Inhalt wir uns dann schon teilweise ereiferten. Single ja oder nein? Was machen die Medien mit uns? usw. In der superkurzen Mittagspause ging es dann im Galopp auf einen Imbiss ins „Caffe’ Arcobaleno“. Zugegebenerma&szig;en war unsere Freizeitsprache Englisch…

Dann folgte der Höhepunkt des Schultages: 100 Minuten Unterricht bei Leonardo. „Wer schlägt ein Thema vor?“ Und dann wurde informiert, politisiert, diskutiert – und viel gelacht. Heiligt der Zweck die Mittel? Kandra aus Texas hatte die Vokabeln für ihren Themenvorschlag mühsam aus dem Wörterbuch herausgesucht. “Mach mal eine Einführung!“ forderte Leonardo sie auf. Es ging ihr um die Wirtschaftskrise und unsere Meinung über ihr Land. Und schon wieder ging es zur Sache.

„Xavier, was denkst du darüber?“ Dem jungen Südfranzosen, schön wie Alain Delon zu seinen allerbesten Zeiten, war meistens nur ein Achselzucken zu entlocken. Ihn langweilte offensichtlich alles. Musik, Kunst, Literatur, Politik waren ihm gleich, mehr als drei Worte nicht aus ihm herauszubringen. Die Mädels verdrehten die Augen. Am letzten Nachmittag verdonnerten wir ihn, das Thema zu bestimmen. „Die Rolle der Frau in der Familie“, war sein Vorschlag, seine Einführung eindeutig: „Meine (zukünftige) Frau arbeitet nicht.“ Den internationalen Aufschrei kann man nur schwer schildern. Kandra und Co empfahlen ihm dringend, das Jahrhundert zu wechseln.

Dann war sie vorbei, die wunderbare Zeit. Fotos wurden gemacht und die weiblichen 70% des Kurses tauschten Emailadressen, Küsschen, Einladungen.

Schluss. Zum letzten Mal stieg ich die fünf Etagen hinunter und stolperte fast über Kandra und – Xavier, die sich eifrig gegenseitig etwas in ihr Arbeitsbuch schrieben…..

Meine neue Freundin Kathleen war schon abgereist, und so verbrachte ich meinen letzten Abend allein, auf dem Piazzale Michelangelo hoch über der Stadt. Zwei Stunden lang sah ich der Sonne zu, die sich langsam auf Florenz hinabsenkte. Die Ruhe nach dieser quirligen Zeit tat gut und ich verzichtete auf mein geplantes Orgelkonzert und blieb einfach auf meinem Logenplatz sitzen.

Arrividerci, Firenze! Ich habe in der kurzen Zeit viel gelernt, und zwar weit mehr als nur Vokabeln und Grammatik. Selten habe ich so eindrucksvoll bestätigt bekommen, dass die Medien uns nur ein sehr unzureichendes Bild von einem Land und seinen Bewohnern vermitteln. Man muss hinfahren, selber schauen und mit den Menschen reden, reden, reden. Wenn man denn kann. Zum nächsten Geburtstag werde ich wohl wieder ein Sparschwein aufstellen. Englisch lernen bei Kathleen? Warum nicht?

PS: Der Rückflug war genauso spannend wie die Hinreise, aber ich landete sicher auf dem Düsseldorfer Flughafen. Mit der Lufthansa. Aber ohne mein Gepäck…

Michelangela, Mönchengladbach